“Kormorane  contra  Äschen“

 

Beginnen wir mit der Äsche, dieser Fischart wurde eine eigene Gewässerregion zugeordnet, die “Äschenregion“. Die Äsche stellt an ihren Lebensraum einen hohen Qualitätsanspruch, der Ursprünglich in  den vorherrschenden Naturlandschaften vielerorts gegeben war. Sie braucht vor allen Dingen gleichmäßig sauberes, sauerstoffreiches Wasser,das möglichst auch in Sommermonaten die ~15° C – Marke nicht übersteigen sollte. Ideal wäre ein sandig,  kiesiger Untergrund bzw. stark verwitterte Felsgesteine mit hohem Feinanteil. Die Fließgeschwindigkeit des Flusslaufes sollte “schnell“ aber nicht mehr “reißend“ sein.

 

Die grob skizzierten optimal Verhältnisse einer “Äschenregion“ gibt leider in unserer heutigen Kulturlandschaft nur noch an ganz wenigen Stellen. Insbesondere die Wasserqualität ist trotz großer Fortschritte in der Klärtechnik noch mit Problemen behaftet, außerdem sind  Temperaturschwankungen und die Höhe der Wasserstände jahreszeitlich bedingt sehr markant. Die Gewässersohlen sind ebenso wie die Uferbereiche meist mehr oder weniger stark durch Verbauungen gekennzeichnet, teilweise sind unsere Fließgewässer eher Ablaufgräben mit vollständig befestigtem Fließprofil ohne Unterstände und Rückzugsräume für die in ihnen lebenden Fische.

Es fehlt unseren Fließgewässern heute die ökologische Vielfalt, Strukturen und Formen des Bachbettes wie das umgebende Gelände mit flachen oder steilen Bereichen, mit engen und weiten Windungen, mit tiefen Mulden und Kiesbänken sowie einer unterschiedlichen Zusammensetzung des Geschiebes sowie mit Hochwässern und ihrer Gestaltungskraft.  

Anschaulich skizzieren kann man die Äschenregion an Hand eines Gebirgsbaches. Dort wo der Gebirgsbach, die Gletscher, Wasserfälle und Schluchten hinter sich gelassen hat um sich dann in die flacheren, aufgeweiteten oberen Bergtäler zu ergießen, dort beginnt gemeinhin die “Äschenregion“. Gerade diese Gebirgsflüsse boten sauberes Wasser bei gleichmäßiger tiefer Temperatur und naturnahen Lebensräumen.

 

 

 

Kommen wir nun zum Kormoran, entgegen der gelegentlich zu vernehmenden Ansicht, dass Kormorane eine vor nicht langer Zeit eingewanderte Vogelart sei, ist festzuhalten, dass bereits vor 7000 Jahren die ersten Kormorane von den Steinzeitmenschen erbeutet wurden, dies belegen unzweifelhafte Knochenfunde aus Dänemark . Richtig ist aber auch, dass der Kormoran im   19. Jahrhundert in Europa durch starke Verfolgung bis auf wenige Kolonien praktisch ausgestorben war.

 

Erste ab etwa 1980 begann sich der Kormoranbestand zu erholen, nachdem die Vogelschutzrichtlinie der EU 1979 den Kormoran im Anhang 1 als schützenswerte Art ausgewiesen hatte.  Bereits 1997 wurde der Kormoran aus dem besonderen Schutz des Anhang 1 der Vogelschutzrichtlinie herausgenommen und ist nun allgemein nach Artikel 2, 5 u. 6 der Vogelschutzrichtlinie geschützt. Außerdem unterliegt er als Zugvogel gemäß Artikel 4, Abs. 2 der Vogelschutzrichtlinie dem besonderen Schutz in Brut-, Rast- und Überwinterungsgebieten.

 

Der Kormoran frisst ausschließlich Fisch, wobei die Angaben über die tägliche Futtermenge weit aus einander gehen. Die Optimisten gehen von ca. 250 g/Tag und die Pessimisten von 600 g/Tag aus, irgendwo in der Mitte dürfte sich die “Wahrheit“ abbilden.  Welchen Einfluss hat nun der Kormoran auf die Fischbestände in unseren Gewässern? Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Ansichten hierzu zwischen Fischnutzern und Vogelschutz in der Vergangenheit diametral auseinander lagen. Deshalb soll hier versucht werden die Problematik möglichst wertfrei darzustellen und eine Brücke zu bauen um gemeinsame Gegenmaßnahmen aufzuzeigen.

 

Allgemein besteht zwischen Fischerei und Naturschutz Konsens darüber, dass die Kormoran -Populationen an großen Seen oder der Meeresküste keine wesentlichen Probleme in den Fischbeständen herbeiführen. Dagegen kann in kleinflächigen Fischereianlagen durch Einfall größerer Kormorantrupps in relativ kurzen Zeiträumen ein größerer Schaden angerichtet werden. Einen weiterer Problempunkt stellen (hauptsächlich auf dem Frühjahrszug) die Mittelläufe von Mittelgebirgsflüssen dar. Insbesondere wenn die im Umfeld befindlichen Stillgewässer in frostreichen Wintern eine Eisdecke aufweisen, und damit von den Kormoranen nicht genutzt werden können, gibt es eine Verlagerung hin zu den offenen Fließgewässern.

Gerade dort machen sich die weiter oben beschriebenen Defizite in Bezug auf eine naturnahe Fließgewässerstruktur zusammen mit dem Verlagerungsdruck der Kormorane besonders negativ bemerkbar. Die Forellenregion ist hiervon weniger stark betroffen als die Äschenregion, da dort die Bachläufe für den Kormoran meist zu schmal sind und eine zu geringe Wassertiefe für eine erfolgreiche Jagd aufweisen.

 

 

 

In der Äschenregion bietet das Fließgewässerprofil sowohl von der Gewässerbreite als auch von der Wassertiefe den Kormoranen ein günstiges “Jagdrevier“. Allerdings sind die Äschenregionen in den Mittelgebirgen ganz besonders durch anthropogene Veränderungen negativ geprägt.  Die Fließgewässer der Äschenregion sind meist durch eine Vielzahl von Nutzungsansprüchen im Laufe der letzten 100 Jahre verändert worden.  Das ging einher mit der Anlage von Wasserkraftwerken, Stauanlagen zur Ableitung von Brauchwasser zur industriellen Nutzung, Maßnahmen zum Hochwasserschutz, sowie sonstiger Befestigungen und Verbauungen. Diese Maßnahmen haben die Lebensraumansprüche der Äschenregion extrem verschlechtert. Hinzu kommt, dass die Wasserqualität jahrzehntelang äußerst ungünstig war, dann aber dank erheblicher Investitionen in die Klärtechnik  auf ein heute allgemein vertretbares Level gestiegen ist. Allerdings ist auch heute die Wasserqualität nicht mit den früheren Bachläufen der Naturlandschaften vergleichbar, da die chemischen Einträge aufgrund der anthropogenen Emissionen immer noch erheblich, wechselhaft und nicht eindeutig verifizierbar sind. Man kann davon ausgehen, dass die Äschenregion durch die vielfältigen Umweltveränderungen am stärksten gelitten hat und deshalb für sich selbst reproduzierende Äschenbestände kaum mehr geeignet ist, nur regelmäßige Besatzmaßnahmen können noch den permanenten Verlust am Äschenbestand ausgleichen. Der Kormoran ist unter diesen Verhältnissen ein zusätzlicher Prädator.

 

 

 

Kormorane contra Äschen - dieser schwelende Konflikt der hauptsächlich zwischen Naturschutz und Fischerei ausgetragen wird, kann nur durch umfassende Veränderungen in der s.g. Äschenregion entschärft werden. Die oben aufgeführten anthropogenen Emissionen müssen minimiert und die Gewässerverbauungen sowie die Fließprofile schrittweise rückgebaut bzw. limnologisch optimiert und verändern werden.

 

Dieses “Wunschkonzert“ könnte man sagen, ist ja schön und gut, nur wie soll man einen praktikablen Weg  für dessen Umsetzung finden.

 

Hierzu kann die im Jahr 2000 beschlossene Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union (EU-WRRL) im kommenden Jahrzehnt wesentlich beitragen. Nachdem bis Ende 2009 entsprechende   Bewirtschaftungspläne und Maßnahmenprogramme aufzustellen sind, soll anschließend mit der Umsetzung begonnen werden. Die Umsetzung der Maßnahmen soll bis 2015 abgeschlossen, bzw. kann noch mal um max. 12 Jahren verlängert werden.

 

 

Angler, Fischerei und Naturschutz täten gut daran, in einer gemeinsamen konzertierten Aktion mit der öffentlichen Hand, alle Möglichkeiten auszunutzen die Grundlagen für ein sinnvolles Maßnahmenprogramm zu erarbeiten und den zuständigen Behörden zur Weiterleitung und Umsetzung zu empfehlen. Damit sich die Äschenregion wieder zu einem Lebensraum entwickelt, in dem zumindest der Grundstein für einen reproduzierbaren Äschenbestand gelegt werden kann. Jedem auch nur annähernd sachkundigen Angler-, Fischerei- oder Naturschutzvertreter muss nach fast 20 Jahren sinnloser Kormoran – Diskussionen endlich klar werden, dass die Problematik ihre ursächlichen Gründe und Lösungsmöglichkeiten auf den oben beschriebenen „Feldern“ findet.                                                                          

 

 

 

 

Reiner Jacobs

Vertrauensmann für Artenschutz

 

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